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Gesund Leben: Psychoanalyse

Psychoanalyse

Aufdecken unbewusster Zusammenhänge

Das altgriechische Wort Psyche bedeutet wörtlich übersetzt Hauch oder Atem. So schwer es ist, einen Atemhauch zu greifen, so schwer ist es auch, die menschliche Seele zu erfassen. In der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten geht es nicht nur darum, den menschlichen Geist zu begreifen, sondern auch darum, Therapieformen zum Ausgleich seelischer Störungen zu entwickeln. Dabei ist die Psychoanalyse ebenso komplex, differenziert und gespalten wie die menschliche Seele selbst.


Theorien und Vertreter

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Theorie und Vertreter

Im Jahr 1895 brachte der Wiener Arzt Sigmund Freud (1856 – 1939) den „Entwurf einer Psychologie“ heraus, was als Geburtsstunde der Psychoanalyse betrachtet werden kann. Das Kernelement der psychoanalytischen beziehungsweise psychodynamischen Theorie bildet die These, dass psychische Krankheiten auf unbewussten Konflikten und problematischen Entwicklungen im Kindes- und Jugendalter basieren.

Die Psychoanalyse als Wissenschaft besteht aus verschiedenen Theorien und Modellen unterschiedlicher Vertreter, die die Schwerpunkte der klassischen psychoanalytischen Theorie nach Freud teilweise stark veränderten.

Die klassische psychodynamische Theorie nach Freud

Das Werk Freuds, das für viele Psychoanalytiker trotz zahlreicher Weiterentwicklungen eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit bildet, setzt sich im Wesentlichen aus seinen Annahmen zur Struktur und Entwicklung der Persönlichkeit zusammen.

Nach Freud besteht die Psyche aus drei Teilen, mit jeweils spezifischen Funktionen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Das Es ist ein biologischer Mechanismus, der von Geburt an besteht und nach Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie Nahrung, Ausscheidung, Sexualität etc. strebt. Das Ich entwickelt sich erst später aus dem Es und sorgt für einen Aufschub der Bedürfnisbefriedigung bis eine geeignete Umgebung vorhanden ist, um diese auszuleben. Das Über-Ich kann zuletzt als der Gegenspieler zum triebgesteuertem Es verstanden werden und bildet die moralische Instanz der Psyche, die sich nach elterlichen Ge- und Verboten, Gesetzen, gesellschaftlichen Idealen etc. richtet. Das Ich kann somit als Kontroll- beziehungsweise Entscheidungsinstanz verstanden werden, die zwischen unserem idealen Selbst (Über-Ich) und dem triebgesteuerten Teil unserer Psyche vermittelt. Mittels der Arbeit mit Patienten unter Hypnose schlussfolgerte Freud, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens über unbewusste Prozesse gesteuert wird. Er geht davon aus, dass die Triebe des ES und die Aktivitäten des Über-Ich unbewusst sind, das Ich hingegen überwiegend bewusst arbeitet.

Eine weitere wichtige Säule der klassischen Theorie bilden Freuds Annahmen zur Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Er bezeichnet diese als psychosexuelle Entwicklung und unterscheidet dabei vier Phasen (orale, anale, phallische und genitale). In jeder Phase dient ein anderes Körperteil der Bedürfnisbefriedigung des Es. So ist in der oralen Phase zum Beispiel der Mundbereich zentral, da die Nahrungsaufnahme in den ersten Lebensmonaten das stärkste Bedürfnis darstellt. Da die Bedürfnisbefriedigung häufig aufgrund innerer und äußerer Widerstände nicht unmittelbar erfolgen kann, muss der Mensch auf jeder Stufe ganz bestimmte Konflikte zwischen dem Es, dem Ich und dem Über-Ich lösen. Je nachdem, wie diese Konflikte gelöst werden, ob zu viel oder zu wenig Bedürfnisbefriedigung erfolgt, werden bestimmte Persönlichkeitsmerkmale ausgebildet, die unter Umständen zu gestörten Reaktionen beziehungsweise Verhaltensweisen führen können.

Die wohl bekannteste und nach Freud auch bedeutendste Entwicklungskrise, die es in der frühen Kindheit erfolgreich zu überwinden gilt, ist der Ödipus- (männliche Form) beziehungsweise der Elektrakomplex (weibliche Form). Diese Krise taucht in der sogenannten phallischen Phase auf, in der das Kind seinen Sexualtrieb entwickelt. Dieser äußert sich nach Freud zu Beginn im Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils und der Rivalität zum gleichgeschlechtlichen Elternteil. Ausgedrückt wird er unter anderem im Wunsch nach bedingungsloser Zuneigung, Zärtlichkeit und Berührungen oder in der Neugierde bezüglich der äußeren Geschlechtsorgane der Mutter oder des Vaters. Aufgrund der Angst vor Bestrafung durch den Rivalen, wird der triebhafte Impuls verdrängt und es kommt im „Normalfall“ zur Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und der Übernahme der eigenen Geschlechterrolle. In dieser Phase entwickelt sich das Über-Ich. Die Lösung dieses Konfliktes entscheidet laut Freud über die weitere sexuelle Entwicklung eines Menschen. Wird der Konflikt nicht bewältigt, kann es im späteren Lebensverlauf beispielsweise zu Schuldgefühlen wegen sexueller Wünsche, zur Furcht vor Intimität oder generell zu Schwierigkeiten beim Beziehungsaufbau kommen.

Im nächsten Schritt seines theoretischen Konstrukts geht Freud von der sogenannten neurotischen Angst aus, deren Hauptmerkmal eine unverhältnismäßige Angst vor etwas ist, das objektiv eine geringe Bedrohung darstellt. Diese entsteht, wenn ein Wunsch des Es unbefriedigt bleibt oder durch das Umfeld bestraft wird. In beiden Fällen kommt es zur Verdrängung des Wunsches und einer Verschiebung des Konfliktes ins Unbewusste. Der nicht ausgelebte Es-Impuls beeinflusst aus dem Unbewussten weiterhin das Erleben und Handeln eines Menschen und erzeugt bei ihm in Situationen, die mit dem verdrängten Wunsch assoziiert sind, Angst. So kann zum Beispiel jemand, der einen Wunsch nach Nähe hat, aber Ablehnung erfährt, Ängste in engen Räumen entwickeln.

Um die Angst und Spannung, die durch den nicht ausgelebten Trieb entsteht, zu verringern, stehen dem Ich – als dem Vermittler zwischen Es und Über-Ich – zahlreiche Möglichkeiten, sogenannte Abwehrmechanismen, zur Verfügung. So kann der Triebimpuls beispielsweise von einem bestimmten Objekt auf ein anderes verschoben werden (zum Beispiel Aggressionen gegen den Chef werden gegen den Partner gerichtet) oder er wird in sein Gegenteil gekehrt (Aggression wird zu Zuneigung) beziehungsweise findet in einem sozialverträglichen Rahmen seinen Ausdruck (zum Beispiel, wenn Aggression in einem Hochleistungssport ihren Ausdruck findet).

In Bezug auf die Entstehung psychischer Erkrankungen nahm Freud an, dass die verschiedenen Formen seelischer Störungen auf starke Triebe des Es und die daraus resultierenden Konflikte mit dem Ich und dem Über-Ich zurückzuführen sind. Je nachdem, in welcher Phase der psychosexuellen Entwicklung die Konflikte auftreten, bildet sich eine spezifische Störung heraus. Eine Phobie (Angststörung) kann zum Beispiel aus einem ungelösten Ödipuskonflikt in der phallischen Phase entspringen, bei dem die Angst vor dem Vater auf andere Objekte, zum Beispiel Spinnen, verschoben wird. Eine Zwangsstörung kann in der analen Phase entstehen. In dieser Phase bezieht sich das Triebhafte auf das Ausscheiden und Zurückhalten von Exkrementen. Wenn nun aufgrund einer strengen Sauberkeitserziehung oder kulturellen Normen dieser Trieb zu stark reguliert beziehungsweise unterdrückt wird, kann sich – infolge der oben beschriebenen Abwehrmechanismen – ein Sauberkeitszwang entwickeln.

Durch Freuds Lehren wurden zu seinen Lebzeiten viele gängige Vorstellungen der Wissenschaft und moralische, religiöse Ideale umgestoßen. Freud sah den Menschen als Gefangenen seiner Triebe. Der Mensch ist nach Freud ein sehr konfliktreiches Wesen, pervers, aggressiv und besitzergreifend geboren. Damit die Gesellschaft funktioniert, muss der Mensch erst „kulturfähig“ gemacht werden, doch Freud kritisierte auch Institutionen, die vom Menschen ein Übermaß an Unterdrückung der Triebimpulse verlangen, wie Kirche und Militär. Wenn psychisches Leiden dauerhaft gemindert werden solle, müssten solche Einrichtungen „triebfreundlicher“ werden.

Der größte Teil seiner Ansätze behielt auch nach Freuds Tod seine Gültigkeit und hielt Einzug in die psychoanalytische Theoriebildung. Andere hingegen wurden völlig revidiert, abgelehnt oder ignoriert. Für Freuds Behandlungen spielten freie Assoziation, Übertragung und ein möglichst „unzensierter“ Redefluss in der Therapie eine wichtige Rolle. Bei der Übertragung bringen Patienten dem Analytiker Gefühle entgegen, die ursprünglich mit anderen Personen und Situationen in Zusammenhang stehen, dadurch werden diese Emotionen in der Therapie zugänglich.

Andere Vertreter der psychodynamischen Theorie

Aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen Freud und seinen Schülern kam es zu Abwandlungen und Weiterentwicklungen der klassischen psychodynamischen Theorie. Carl Gustav Jung (1875 - 1961) und Alfred Adler (1870 - 1937) waren die bekanntesten Vertreter dieser alternativen analytischen Richtungen.

Jung war zunächst ein Schüler Sigmund Freuds, doch 1913 kam es durch Jungs abweichende Auffassung des Unbewussten zum Bruch mit Freud und den gängigen Theorien der Psychoanalyse. Jung führte den Begriff des ‚kollektiven Unbewussten‘ als archetypischer Dimension ein.

Jung beschäftigte sich intensiv mit westlichen und östlichen Religionen. Er war der Ansicht, dass die Ursache vieler seelischer Störungen in der Frage nach dem tieferen Sinn des Lebens und der spirituellen Einstellung eines Menschen liegt. Jung war von der Tiefe und Vielfalt der psychischen Erfahrungen und Erkenntnisse, die er in den östlichen Religionen zu entdecken glaubte, beeindruckt. Eine unreflektierte Übernahme östlicher Vorstellungen lehnte er jedoch für den westlichen Menschen ab. Für diesen erachtete er das Christentum als sehr bedeutsam, wenn er auch meinte, dass dieses neuer Perspektiven bedürfe.

Jung beschäftigte sich nicht nur mit seelischen Erkrankungen, sondern auch mit der gesunden Entfaltung von Mensch, Gesellschaft und Kultur. Er sah den Menschen als ein sich selbst regulierendes System. Im Zentrum seiner Persönlichkeitspsychologie stehen das Selbst und die Individuation: die Entwicklung des Menschen zu einem erweiterten Bewusstsein, einer größeren Reife und sozialer Verantwortung.

Während des Individuationsprozesses soll der Mensch zu dem werden, der er durch seine Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten ist. Er soll sich der verschiedenen Aspekte seines Wesens bewusst werden, diese verarbeiten und akzeptieren. Hierzu gehören auch die dunklen Seiten der menschlichen Psyche, die Jung unter dem Begriff des Schattens zusammenfasste und die im Kontrast zu gesellschaftlich erwünschten Aspekten stehen.

Jung leitete von seinen Theorien ein integratives Behandlungskonzept ab. Neben dem analytischen Aufarbeiten unbewusster (traumatischer) Erfahrungen und Konflikte geht es bei diesem Konzept vor allem um die Förderung der kreativen Entfaltung und selbstverantwortlichen Lebensgestaltung. Psychische und physische Erkrankungen werden als Folge eines in seiner Ganzheit gestörten Organismus betrachtet. In der Psychotherapie sollen, wie im Individuationsprozess, die aus dem bisherigen Leben ausgeschlossenen und unbewusst gebliebenen Aspekte dem bewussten Erleben und Verhalten zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise soll der Organismus wieder in ein Gleichgewicht gebracht und seine Widersprüche vereinigt werden.

Bei Jungs Behandlungskonzept standen vor allem die individuellen Eigenarten des Patienten im Vordergrund. Der Weg, den ein Mensch zu seiner Heilung und Selbstverwirklichung einschlagen muss, war für Jung somit nicht vorhersehbar und planbar.

Jung stieß immer wieder auf heftige Kritik, was nicht nur in seinen Ideen begründet ist, sondern auch in seiner provokativen Persönlichkeit, seinen teilweise widersprüchlichen Begriffsdefinitionen und vor allem seinen anfänglichen Sympathien für die Ideologie des Nationalsozialismus.

Adler stellte mit der Individualpsychologie ein Gesamt-Psychotherapie-Modell vor, das zum einen die „normale“ Psyche und zum anderen Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Als sein Hauptwerk gilt das 1912 veröffentlichte Buch „Über den nervösen Charakter“. Mit diesem Werk erreichte die Individualpsychologie in der Fachliteratur den Durchbruch als Alternative zur Psychoanalyse.

Adlers Persönlichkeitstheorie liegt eine sogenannte teleologisch-ganzheitliche Sichtweise zugrunde. Er war überzeugt, dass die einzelnen Züge eines Menschen letztendlich nur vor dem Hintergrund seiner Ganzheit zu verstehen sind.

Adler sah den Menschen zudem als zielgerichtete Persönlichkeit mit sozialen Bezügen, eingebunden in Familie, Beruf und Gesellschaft. Er war der Ansicht, dass die entscheidende Phase des Menschen die Kindheit ist. Ob ein Erwachsener Erfüllung, Glück, Leid oder Schuld erfährt, bahnt sich bereits in der Kindheit an. So verband Adler seine psychologische Tätigkeit mit der eines Erziehungsberaters, um nicht nur zu forschen und zu heilen, sondern auch präventiv wirken zu können.

Die Zielstrebigkeit eines Menschen und ihre Entstehung in den ersten Lebensjahren erachtete Adler als besonders wichtig. Er führte das sogenannte Lebensstil-Konzept ein. Dieses umfasst eine Vielzahl von persönlichkeitsspezifischen Aspekten, wie Einstellungen, Meinungen, Überzeugungen, Gefühle, Erwartungen und Ziele. Zum Lebensstil gehören eine unbewusste und eine bewusste, sowie eine kognitive und eine affektive Dimension.

Der Lebensstil entsteht nach Adler in den ersten Lebensjahren in einem komplexen Wechselspiel von Versuch und Irrtum, Wirkung und Gegenwirkung. Ein Kind sucht nach Zielen und Fixpunkten, die ihm im Leben Halt versprechen. Mittel, die zum Erreichen des Ziels nicht zweckmäßig sind, werden vom Kind abgelegt. Für die Bildung des Lebensstils spielen die physischen Eigenschaften eines Menschen, die Erziehungsmethoden der Eltern, die Atmosphäre in der Familie, die Konstellation der Geschwister, das soziale Umfeld und gesellschaftliche Einflüsse eine Rolle. Das Kind ist hierbei kein ausschließliches Produkt seiner Umwelt, sondern kann diese auch mitgestalten.

Eine individualpsychologische Therapie stellt das menschliche Leiden ins Zentrum und macht es zum Ausgangspunkt für das Verstehen des Menschen in seiner Gesamtpersönlichkeit. Dabei sollen dem Patienten bisher unverstandene Zusammenhänge und subjektive Meinungen über sich selbst und die Umwelt ins Bewusstsein gebracht werden.


Methoden

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Methoden

Die klassische, von Freud entwickelte Methode der Psychoanalyse mit fünf bis sechs Therapiestunden in der Woche und einem auf der Couch liegenden Patienten wird nur noch selten angewendet. Die Hauptaufgabe des Psychoanalytikers bleibt jedoch die Arbeit mit unbewussten Konflikten, die durch die Verdrängung von triebhaften Bedürfnissen entstanden sind. Das Ziel ist, dem Patienten diese Konflikte bewusst zu machen und sie zu lösen.

Alle analytischen Behandlungsmethoden gehen von bestimmten grundlegenden Annahmen aus, die die therapeutische Arbeit steuern: Es wird davon ausgegangen, dass der Patient die verdrängten Gefühle, Wünsche, Erwartungen oder Ängste in der sozialen Interaktion mit dem Therapeuten unbewusst zeigt und auf diesen überträgt (die sogenannte Übertragung). Ferner hält der Patient an seiner Störung fest und fürchtet sich vor der Überwindung der Erkrankung, was sich in der Therapie als Widerstand bemerkbar macht. Des Weiteren wird angenommen, dass sich der Patient während der Behandlung auf die Entwicklungsstufe zurückversetzt (Regression), auf der der Konflikt entstanden ist, um diesen in Zusammenarbeit mit dem Therapeuten mit „erwachsenen“ Strategien zu lösen.

Im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit steht die sogenannte Gegenübertragung. Damit ist eine emotionale Antwort des Therapeuten auf die vom Patient gezeigten Verhaltensweisen gemeint. Die beim Therapeuten ausgelösten Emotionen helfen ihm, die unbewussten Prozesse und Konflikte des Patienten besser zu verstehen und zu deuten.

Im Rahmen der psychoanalytischen Therapieverfahren werden lediglich die Kosten einer psychoanalytischen Lang- oder Kurzzeitpsychotherapie und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Voraussetzung dafür ist, dass der verantwortliche Psychotherapeut Arzt oder Psychologe ist und eine psychoanalytische Ausbildung mit einer kassenärztlichen Zulassung abgeschlossen hat. Ist dies gegeben, kann vom Therapeuten ein entsprechender Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden, der in der Regel bewilligt wird.

Nach einem Erstgespräch zwischen Therapeut und Patient wird über die erforderliche Therapieform entschieden. Die folgende Tabelle beschreibt die häufigsten psychoanalytischen Therapieformen bezogen auf Therapiefrequenz, -umfang und -dauer:

Methoden2

Die Entscheidung für oder gegen eine Therapieform hängt von der Art der psychischen Störung, den Zielen und Wünschen des Patienten und nicht zuletzt von äußeren Umständen, wie zum Beispiel dem Alter des Patienten (Erwachsener oder Kind/Jugendlicher) oder der zeitlichen Flexibilität, ab.

Eine Therapie kann ambulant oder stationär erfolgen. Die ambulante Therapie setzt eine gewisse körperliche und geistige Stabilität des Patienten voraus. Eine Suchttherapie bei Alkoholikern hingegen kann erst nach einer Entgiftung in der Klinik ambulant durchgeführt werden. Auch selbstmordgefährdete Patienten müssen erst durch einen Klinikaufenthalt stabilisiert werden.

Vor allem bei Depressionen, Angst-, Ess-, Zwangs- (Waschzwang, Kontrollzwang, etc.), sexuellen und Persönlichkeitsstörungen kann eine psychoanalytische Therapie sehr sinnvoll sein. Ebenso bei Arbeitsstörungen, die gravierende Probleme bei der Umsetzung von Arbeitsaufgaben und einen enormen psychischen sowie physischen Leidensdruck bei den Betroffenen verursachen, oder bei wiederkehrenden Beziehungsschwierigkeiten mit Partnern, Kindern oder Kollegen. Immer häufiger finden psychotherapeutische Methoden auch in Ergänzung zu medizinischen Behandlungen ihre Anwendung, etwa bei Patienten mit Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bei körperlichen Beschwerden, die nicht ausreichend durch physische Ursachen erklärt werden können.

Im Folgenden soll zunächst auf die klassische Psychoanalyse eingegangen werden, die die längste und intensivste Form der psychoanalytischen Therapien darstellt und den Ausgangspunkt für andere Therapiemethoden bildet. Daraufhin soll auf die kassenärztlich zugelassenen Therapieformen eingegangen werden. Zum Schluss werden die psychoanalytische Gruppentherapie sowie individualpsychologische Verfahren als Spezialformen der analytischen Psychotherapie vorgestellt.

Klassische Psychoanalyse

Ein zentrales Grundelement der Psychoanalyse, das den Rahmen für eine Therapie darstellen sollte, waren laut Freud Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit. Freud sah seine Patienten tatsächlich täglich – außer sonntags – für jeweils eine Stunde. Es kam vor, das Patienten ihm in den Urlaub nachreisten, um die Behandlung nicht zu unterbrechen.

Die klassische Psychoanalyse ist als Langzeittherapie angelegt. Ein Ende der Therapie wird bewusst nicht festgelegt. Häufige Begegnungen zu festen Terminen – meist vier bis fünf Stunden in der Woche – am immer gleichen Ort sollen die Untersuchung schwer zugänglicher psychischer Vorgänge ermöglichen.

Das therapeutische Umfeld setzt sich aus einem ruhigen Raum, einer Couch für den Patienten und einem Sessel für den Analytiker zusammen. Der liegende Patient, der seinen hinter ihm sitzenden Analytiker nicht sehen kann, soll ohne Einschränkungen alles aussprechen können, was ihm durch den Sinn geht (freie Assoziation). Durch diese ungezwungene Atmosphäre wird erreicht, dass der Patient schmerzliche und traumatische Erlebnisse, Ängste und sowohl seine positiven als auch negativen Gefühle offenbart und sich diesen stellt. Es wird davon ausgegangen, dass sich in den Äußerungen des Patienten viele unbewusste Inhalte widerspiegeln, die im Zusammenhang mit der Störung stehen und während der Therapie erkannt, benannt und bewusst verarbeitet werden sollen. Der Analytiker nimmt dabei eine eher zurückhaltende und zuhörende Position ein und versucht die bei ihm durch den Patienten hervorgerufenen Gefühle, Gedanken und Erwartungen zu reflektieren, um die unbewussten Konflikte besser zu verstehen und für den Patienten zu deuten, das heißt, dem Patienten unbewusste Zusammenhänge aufzudecken.

Ein wichtiges Moment der Deutung ist die anschließende Reaktion des Patienten auf diese. Stimmt der Patient den Inhalten zu oder akzeptiert er diese stillschweigend? Lenkt er vom Thema ab oder reagiert er aggressiv und ungehalten? Hinter diesen Reaktionen verstecken sich weitere Verhaltensmuster, die auf unbewussten Prozessen basieren. In negativen und abweisenden Reaktionen wird zum Beispiel der oben genannte Widerstand deutlich. Dieser kommt zum Vorschein, wenn der Patient die unangenehme und zum Teil schmerzliche Konfrontation mit seinen unbewussten Ängsten und verdrängten Gefühlen und Gedanken vermeiden möchte.

Durch die Bewältigung unbewusster Konflikte entdecken Patienten neue Lösungswege und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit sich selbst und ihrem sozialen Umfeld. Sie gehen belastbarer und leistungsfähiger aus der Therapie hervor und lernen mehr Gefühle zuzulassen und ihr Leben intensiver zu erleben.

Die klassische Psychoanalyse ist bei allen psychischen Leiden anwendbar, denen unbewusste Konflikte zugrunde liegen. Besonders Personen mit Angststörungen sprechen gut auf die Psychoanalyse an. Des Weiteren kommen häufig Menschen mit zum Teil schweren Persönlichkeitsstörungen und seltener auch psychotische Personen in die intensive Psychoanalyse. Diese Therapieform fordert vom Patienten ein großes Maß an Motivation und Vertrauen zum Analytiker.

Analyse von Kindern und Jugendlichen

Bei der psychoanalytischen Behandlung von Kindern liegt der Schwerpunkt im Spiel. Hier kommt Triebgeschehen in Handlungen und Inszenierungen zum Ausdruck. Ein kindgerechter Raum und eine Ausstattung mit geeigneten Spielsachen sind sehr wichtig. Nur so kann sich eine Form von „Zwischenwelt“ bilden, ein Bereich zwischen Spiel und Realität, in dem die Kinder frei agieren können. Dadurch, dass das Spiel dem Traum artverwandt ist, löst es Spiel bei Kindern im Idealfall eine Fluss von freien Assoziationen aus wie bei Erwachsenen in der freien Rede.

Der Wunsch nach einer Therapie geht in den wenigsten Fällen vom Kind selber aus. Meistens ist eine Bezugsperson beteiligt und es kann ratsam sein, dass sich auch diese Person in eine therapeutische Betreuung oder Erziehungsberatung begibt.

Bei der Therapie von Jugendlichen liegt die Herausforderung für den Psychoanalytiker darin, den Jugendlichen in seinem Wunsch nach dem Erwachsensein zu respektieren, aber auch seine kindlichen Anteile ernst zu nehmen. Beim Adoleszenten trifft eine starke Triebhaftigkeit auf eine psychische Struktur, die sich im Umbruch befindet. So kommt es häufig zu Rückzug und Hemmung, was der Therapie entgegensteht.

Für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen stehen analytisch ausgebildete und kassenärztlich zugelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zur Verfügung.

Psychoanalytische (Langzeit-) Psychotherapie

Die psychoanalytische Psychotherapie ist im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen Behandlungen die sich zwischen 200 und 300 Stunden bewegen und zwei- bis dreimal wöchentlich stattfinden. Je nach Behandlungsfrequenz bedeutet das eine Therapielänge von zwei bis drei Jahren.

Die therapeutischen Instrumente der psychoanalytischen Psychotherapie unterscheiden sich kaum von denen der Psychoanalyse. Im Mittelpunkt steht auch hier das freie Assoziieren und das Aufdecken und Lösen unbewusster Konflikte. Häufig kann der Patient hierbei entscheiden, ob er dem Therapeuten gegenüber sitzen oder auf der Coach liegen möchte. Da es ein langwieriger Prozess ist und die Sitzungen in der Regel nur zweimal wöchentlich stattfinden, sind Rückfälle oder eine Verstärkung der Symptome keine Seltenheit. Meistens müssen die neu erarbeiteten Lösungen und Perspektiven langfristig erarbeitet werden, bis sie zu einer Verbesserung des Zustandes beitragen.

Eine niedrigfrequente Therapie wie die psychoanalytische Psychotherapie hat verschiedene Vor- und Nachteile. Ein Problem stellt zum Beispiel die Entwicklung und Handhabung der Übertragung dar. Es kann passieren, dass der Patient nach der Sitzung einen Konflikt statt auf den Therapeuten auf eine Person aus seinem Alltag überträgt. Oder er reagiert Triebspannungen ab, indem er zum Beispiel zu viel isst oder übermäßig Geld ausgibt. Bei akuten Krisen kann eine Psychoanalyse im klassischen Sinne somit ungünstig sein. Hier eignet sich eher die stützende, zurückhaltende Vorgehensweise mit vorsichtigen Deutungen, die bei der psychoanalytischen Psychotherapie angewendet wird. Diese führt den Patienten behutsam aus der Krise und ebnet den Weg für die spätere analytische Arbeit.

Tiefenpsychologische Verfahren

Eine weit verbreitete Form der Therapie ist die auf C. G. Jung zurückzuführende tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie ist wie die analytische Psychotherapie niedrigfrequent – 80 bis maximal 100 Stunden – angelegt und kommt in der ambulanten wie auch stationären Behandlung zum Einsatz.

Die Tiefenpsychologie ist ein dialogisches Behandlungsverfahren, das heißt Patient und Therapeut sitzen sich im Gespräch gegenüber. Der Patient kann so Mimik und Gestik des Therapeuten sehen und deuten. Dadurch ergibt sich eine alltäglichere Gesprächssituation. Gemeinsamkeiten mit anderen psychoanalytischen Behandlungsverfahren liegen in der Berücksichtigung unbewusster psychodynamischer Prozesse, der Wirksamkeit von Abwehrmechanismen und der Beziehung von Therapeut und Patient mit Berücksichtigung des Übertragungs-Phänomens.

Der Begriff der „Tiefe“ bezieht sich in der Tiefenpsychologie zum einen auf die unbewussten Prozesse, die aufgedeckt werden sollen, und zum anderen auf die Bedeutung von Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen aus der Kindheit des Patienten, die ihn noch heute in seinem Handeln und Erleben prägen. Den Ausgangspunkt der Therapie bilden gegenwärtige Probleme, von denen immer wieder zurück in die Vergangenheit geschaut wird.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist die in der Praxis am häufigsten durchgeführte Therapieform. Sie wird bei Angststörungen, Psychosen, psychosomatischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen angewendet.

Ein spezielles tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren ist die auf Annemarie Dührssen zurückgehende dynamische Psychotherapie. Diese rückt das Alltagsleben des Patienten in den Fokus. Unbewusste seelische Vorgänge können mit einschneidenden Erlebnissen zusammenwirken und Fehlentwicklungen verursachen. Selbstwertgefühl, eigenes Erleben, Lebensgestaltung und Beziehungen zum Umfeld stehen im Zentrum der Therapie. Die dynamische Psychotherapie soll den Patienten unterstützen, sein Selbstwertgefühl fördern und ihm so im Alltag Erleichterung verschaffen.

Psychoanalytische Kurzzeittherapie

Im Gegensatz zu anderen psychoanalytischen Therapieformen ist die Stundenanzahl bei der Kurzzeittherapie auf 10 bis 40 Stunden begrenzt, wobei kassenärztlich nur 25 Stunden bezahlt werden.

Diese Therapieform ist vor allem bei konkret umschriebenen Problemen zu empfehlen, wie etwa bei akuten Lebenskrisen, die eine sofortige Intervention notwendig machen. So kann eine Kurzzeittherapie beispielsweise nach einer Trennung vom Partner hilfreich sein oder bei einem traumatischen Erlebnis, wie etwa dem Verlust einer nahestehenden Person.

Zudem kann im Rahmen einer psychoanalytischen Kurzintervention auf der Basis der berichteten Lebenserfahrungen ein erstes Bild über mögliche unbewusste Vorgänge gewonnen werden. Dies ermöglicht eine konkretere Planung der nächsten Therapieschritte und eine bessere Einschätzung bezüglich der Notwendigkeit einer Langzeittherapie.

Bei schweren und chronischen Störungsbildern ist eine Kurzzeittherapie wenig effizient. Eine Kurzzeittherapie kann jedoch bei entsprechender Diagnose immer in eine psychoanalytische Psychotherapie oder ein tiefenpsychologisches Verfahren umgewandelt werden.

Psychoanalytische Gruppentherapie (Gruppenanalyse)

In der Gruppenanalyse werden die psychoanalytischen Prinzipien in einem Gruppensetting umgesetzt. Die Gruppe besteht aus ca. 7 bis 12 Personen, die sich entweder ein- bis zwei-mal in der Woche treffen oder in regelmäßigen Abständen mehrere Tage hintereinander einen Therapieblock durchlaufen.

Das Ziel der Gruppenanalyse ist es, unbewusste Vorgänge im Rahmen einer therapeutischen Gruppe bewusst zu machen und zu verarbeiten. Durch die Gruppe wird es dem einzelnen Patienten ermöglicht, seine konflikthaften Beziehungsmuster aus der Vergangenheit in der Gruppe abzubilden und im „Hier und Jetzt“ zu bearbeiten. Dabei können vom Einzelnen verschiedene Positionen eingenommen und komplexere soziale Beziehungen aufgedeckt werden.

Auch bei dieser Therapieform spielen freie Assoziationen eine wichtige Rolle. So schlägt der Therapeut den Gruppenmitgliedern kein Thema vor, sondern fordert diese auf ihre Emotionen, Träume, spontanen Einfälle und Fantasien ohne jegliche Selbstkontrolle zu äußern.

Enrique Pichón-Rivière (1907-1977) entwickelte die Gruppenanalyse weiter in eine Gruppentherapie für Patienten in psychiatrischen Einrichtungen. Bei dieser Therapie hat die Gruppe eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und wird von einem Koordinator begleitet, der immer wieder das Verhältnis der Gruppe zur Aufgabe interpretiert. Zudem gibt es einen Beobachter, der den Gruppenprozess nachvollzieht und deutet. Auf diese Weise soll eine differenzierte und sozial verträglichere Form des Denkens erlangt werden.

Individualpsychologische Verfahren

Die auf Alfred Adler zurückgehende Individualpsychologie stellt menschliche Beziehungen in den Fokus.

Im Zentrum der individualpsychologischen Therapie stehen zunächst die Probleme, unter denen der Patient nach seiner eigenen Einschätzung am meisten leidet. Man spricht in diesem Zusammenhang von „Problemaktualisierung“. Das gefühlte Leid des Patienten wird zum Ausgangspunkt, um ihn in seiner Gesamtpersönlichkeit zu verstehen und Zusammenhänge zwischen ihm und seiner Umwelt bewusst zu machen, die bisher unverstanden geblieben sind.

Im Veränderungsprozess soll der Patient an persönlichen Zielen und unbewussten Einstellungen arbeiten. Im Dialog mit dem Therapeuten soll der Patient zu einem besseren Verständnis seiner selbst, sei es in Bezug auf Beziehungen, Beruf oder Gesellschaft, geführt werden. Die besondere Aufmerksamkeit der Individualpsychologie gilt der Position des Individuums innerhalb seines sozialen Umfelds. Die Hauptthemen bilden soziale Beziehungen und Kooperation mit anderen Menschen, Berufsleben und Umgang mit Sexualität und Liebe.

Die individualpsychologische Therapie arbeitet somit, neben einer Vertiefung der persönlichen Selbsterkenntnis, auf eine aktive Problembewältigung hin. Es werden Handlungen trainiert, die das Gemeinschaftsgefühl stärken, und konkrete Verbesserungen zwischenmenschlicher Beziehungen erarbeitet.


Effizienz der psychoanalytischen Therapie

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Effizienz der psychoanalytischen Therapie

Das Ziel der Psychoanalyse ist es, durch die Bewusstmachung unbewusster Konflikte psychische Störungen zu beseitigen. Obwohl es Studien gibt, die die Wirksamkeit der Psychoanalyse belegen, sind die Erfolge der psychoanalytischen Therapie nur schwer überprüfbar.

Auch wenn inzwischen empirische Studien zur Langzeit-Wirksamkeit der Psychoanalyse existieren, entzieht sich insbesondere die psychoanalytische Langzeittherapie einer befriedigenden Überprüfung. Da sich die Behandlungen bei dieser Therapieform zum Teil über Jahre ziehen, lassen sich kontrollierte Studien nur schwer umsetzen. So existieren hauptsächlich Studien, die sich auf Abschlussberichte des Therapeuten stützen.

Laut diesen sind psychodynamisch orientierte Formen der Kurzzeittherapie, die sich über höchstens 40 Sitzungen ziehen, ähnlich wirksam wie eine Verhaltenstherapie, obwohl diese beiden Therapieformen sich in ihren Grundannahmen widersprechen. Psychodynamische Langzeittherapien mit bis zu 300 Sitzungen scheinen einen noch größeren Effekt zu haben, was sich beispielsweise in der geringeren Anzahl von Arztbesuchen und Krankenhaustagen nach Abschluss der Behandlung zeigt. Diese Effekte sind stabil und verstärken sich häufig noch nach abgeschlossener Behandlung.

Die Behauptung der Psychoanalyse, dass andere Therapieversuche bei psychisch bedingten Störungen keine dauerhaften Erfolge bringen, sondern lediglich zu Symptomverschiebungen führen, kann inzwischen als widerlegt betrachtet werden. Auch andere Therapieformen haben sich als effizient erwiesen.


Weitere hilfreiche Informationen

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Was übernimmt die Krankenkasse?

Bei psychischen Störungen, die einen sogenannten Krankheitswert haben, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die gesamten Behandlungskosten. Zu Störungen mit Krankheitswert gehören:

  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Essstörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • psychosomatische Störungen
  • Süchte
  • Verhaltensstörunge
  • Zwangsstörungen

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen dabei nur Therapien nach den derzeit anerkannten Richtlinienverfahren. Die Psychoanalyse ist eines davon. Zudem ist es wichtig, dass der behandelnde Psychotherapeut über eine Kassenzulassung verfügt.

Die Psychoanalyse ist die längste und aufwändigste Behandlungsform aus dem Bereich der Psychotherapie. Bis zu drei Mal in der Woche sucht der Patient den Analytiker zu fest vereinbarten Terminen auf. Während der 50 Minuten dauernden Sitzungen versuchen Therapeut und Patient gemeinsam, unbewusste Konflikte aufzuspüren. Wenn diese identifiziert wurden, treten die problematischen Konfliktmuster nicht mehr oder zumindest weniger stark auf. Es kann Jahre dauern, bis solch unbewusste Konflikte ans Licht gebracht werden.

Um für diese langwierige Arbeit den geeigneten Therapeuten zu finden, gewähren die gesetzlichen Krankenkassen bis zu acht Sitzungen bei einem oder mehreren Therapeuten zu Vorgesprächen (bei anderen Therapieformen sind bis zu fünf Vorgespräche möglich). Es ist sinnvoll, mehrere Probesitzungen zu machen, da viele Therapeuten Wartelisten haben und man seine Chancen erhöhen kann, schnell einen Therapieplatz zu bekommen, wenn man sich auf mehrere Wartelisten setzen lässt.

Im Verlauf der Probesitzungen stellt der Psychotherapeut die Diagnose und beantragt ein bestimmtes Kontingent an Sitzungen bei der Krankenkasse. Es kann nötig sein, dass der Therapeut einen Bericht für einen Gutachter erstellen muss. Dieser wird von der Krankenkasse so weitergeleitet, dass die dortigen Sachbearbeiter nichts von der Krankengeschichte erfahren. Je nach Störung und Schwere des Problems werden im Anschluss an die Vorgespräche bei der psychoanalytischen Therapie bis zu 300 Sitzungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Passt der psychoanalytische Ansatz zu mir?

Bevor Sie sich für eine psychoanaytisch ausgerichtete Psychotherapie entscheiden, ist es wichtig, sich einige Fragen zu stellen:

Passt die zeitliche Ausrichtung der Therapie zu mir?

Sowohl psychoanalytische als auch tiefenpsychologische Psychotherapien suchen in der Kindheit und Jugend des Patienten nach den Ursachen für eine Störung. Daher sollten Sie, bevor Sie einen Psychoanalytiker aufsuchen, sich fragen, ob Sie sich mit einer solchen Vorgehensweise anfreunden könnten.

Was erwarte ich von der Therapeut-Patient-Beziehung?

Zudem ist es sinnvoll zu überlegen, was Sie von der Therapie und Ihrem Therapeuten erwarten. Suchen Sie konkrete Hinweise, wie Sie ein bestimmtes Problem lösen können oder erwarten Sie konkrete Anweisungen, wie Sie beispielsweise Ihr Verhalten ändern können? Falls ja, könnte eine psychoanalytische Psychotherapie für Sie eher zu einer enttäuschenden Erfahrung werden. Im Rahmen einer psychoanalytischen Therapie muss man sich darauf einstellen, dass der Therapeut eine eher distanzierte und zurückhaltende Rolle einnimmt, was sich bei der klassischen Analyse bereits in der Sitzanordnung äußert. Das freie Assoziieren kann von manchen Patienten als große Anstrengung und Herausforderung erlebt werden.

Wie gehe ich mit psychoanalytischen Deutungen um?

Bei einer psychoanalytischen Psychotherapie sollten Sie sich darauf einstellen, dass der Therapeut jede Ihrer Äußerungen, die mit Ihrem Problem in Zusammenhang steht, in Bezug auf vergangene und immer noch anhaltende unbewusste Konflikte interpretieren wird. Beispielsweise könnte Ihr Therapeut eine Beziehung zwischen Ihren aktuellen psychosomatischen Kopfschmerzen und Ihrem Verhältnis zu Ihren Eltern in der Kindheit herstellen. Er könnte dieses so deuten, dass Ihr Vater Ihr Bedürfnis nach Nähe verweigert hat und Sie daher eine Angst entwickelt haben, die immer noch im Unbewussten wirksam ist. Wenn Sie nun vor einer Person stehen, die Sie mit Ihrem Vater assoziieren, zum Beispiel Ihren Chef, dann spüren Sie den in der Vergangenheit entstandenen Konflikt und damit auch die Angst. Da dies aber unbewusst abläuft, äußern sich Ihre Ängste in Form von psychosomatischen Kopfschmerzen.

Wenn Sie nun als Patient mit bestimmten Deutungen des Therapeuten nicht einverstanden sind, wird das von diesem als Widerstand aufgefasst. Er wird davon ausgehen, dass sich hinter dem fehlenden Einverständnis die Angst verbirgt, die schmerzhaften Erkenntnisse aus dem Deutungsprozess anzunehmen. Im Verlauf der Therapie wird er versuchen Sie dabei zu unterstützen, sich die verdrängten Gefühle und Gedanken bewusst zu machen und sie zu bewältigen.

Dieses Vorgehen ist nicht für jeden Patienten geeigent. Bevor Sie eine psychoanalytische Therapie beginnen, sollten Sie sich daher die Frage stellen, ob Sie diese Form der Kommunikation mit dem Therapeuten für sich als sinnvoll erachten und ob Sie mit dem hohen Stellenwert des Deutungsprozesses zurechtkommen.

Den richtigen Therapeuten auswählen

Die Wahl des Therapeuten ist frei, also dem Patienten überlassen. Wichtig ist – wie bei allen Beziehungen, die Menschen eingehen – bereits der erste Eindruck. Der Patient kann sich hierbei bestimmte Leitfragen bezüglich des potentiellen Therapeuten stellen:

  • Beim ersten Telefonat: Ist der Klang der Stimme sympathisch?
  • Im Gespräch: Nimmt er sich Zeit für seine Patienten? Beantwortet er Fragen geduldig und ausführlich?
  • Welche Ausbildung hat er? Wo liegt der Schwerpunkt bei seiner Arbeit?
  • Hat er Erfahrung auf dem Gebiet, auf dem der Patient sich behandeln lassen möchte?
  • Was erwartet der Therapeut von seinem Patienten? Gibt er genug Raum für ein Kennenlernen?
  • Wie lange wird die Therapie voraussichtlich dauern?
  • Nach der ersten Sitzung können Sie prüfen: Fühlen Sie sich vom Therapeuten angenommen? Wie reagiert der Therapeut, wenn Sie sich unwohl fühlen?

Auch im Verlauf der Therapie können Sie eine Zwischenbilanz ziehen. Eine psychoanalytische Langzeittherapie ist auf Jahre ausgelegt. Bei allen anderen Methoden sollten nach zehn bis zwanzig Sitzungen eine Erleichterung der seelischen Probleme und eine Veränderung bemerkbar sein. Ist dies nicht der Fall, können Sie sich die Frage stellen, ob dies mit dem gewählten Therapeuten in Zusammenhang steht oder über eine andere Therapieform nachgedacht werden sollte.

Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e. V.

http://www.dgpt.de/

Onlinezeitung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV)

http://www.psychoanalyse-aktuell.de/

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Fallbeispiele

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Fallbeispiele

Der Leidensdruck eines Patienten ist die Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychischen Krankheit. Die persönliche Wahrnehmung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Eine Ausnahme ist gegeben, wenn die Gefährdung Dritter besteht, zum Beispiel bei wahnhafter Schizophrenie oder bestimmten Verhaltensstörungen. Ansonsten hat nicht zuletzt die eigene Bereitschaft, sich einer Therapie zu unterziehen, einen großen Einfluss auf deren Erfolg. Je mehr man bereit ist, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, desto besser stehen die Chancen, zu lernen, mit den Problemen umzugehen oder sie gar zu lösen.

Fallbeispiel Frank, 32 Jahre alt

Frank steht, wie man so schön sagt, mitten im Leben. Er ist 32 und hat eine leitende Position in einem Unternehmen. Kollegen beschreiben ihn als erfolgreich und dynamisch. Privat ist er seit vier Jahren verheiratet und hat eine kleine Tochter. Seit seiner frühesten Jugend treibt er regelmäßig Sport. Trotz seines ausgefüllten Berufs- und Familienlebens lässt er es sich nicht nehmen, jeden Morgen eine Runde zu joggen und am Wochenende das Fitnessstudio aufzusuchen. Seit einigen Monaten leidet er jedoch zunehmend unter Rückenschmerzen.

Frank läuft von Arzt zu Arzt und lässt viele verschiedene Untersuchungen über sich ergehen, doch es kann keine organische Ursache für sein Leiden festgestellt werden. Physisch scheint er völlig gesund zu sein. Mit der Zeit fühlt er sich aber zunehmend schlapp und müde und hat immer weniger Lust, Freunde zu treffen. Die Zeit mit seiner Familie empfindet er als anstrengend. Seine Frau bemerkt die Veränderung und spricht ihn darauf an. Wenn endlich jemand etwas gegen seine Rückenschmerzen tun würde, dann würde alles schon wieder besser werden, meint Frank. Noch einmal geht er zum Hausarzt und erzählt von seinen Symptomen. Der Hausarzt fragt Frank, ob er schon einmal über eine Psychotherapie nachgedacht hätte. Er erklärt, dass die Ursache für chronische Schmerzen – also Schmerzen, die länger als sechs Monate anhalten und durch kein Medikament gelindert werden können – oft in der psychischen Verfassung des Patienten liegt.

Frank scheut sich zunächst, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Für ihn käme dies einem Versagen aufgrund innerer Schwäche gleich. Erst auf Drängen seiner Frau und als ihm durch die immer stärkeren Schmerzen die Arbeitsunfähigkeit droht, lässt er sich zu einem Therapeuten überweisen. „Wer solche Schmerzen hat wie Sie, der muss Kummer haben“, sagt der Psychotherapeut bereits in der ersten Sitzung.

Nach und nach gelingt es Frank in den psychoanalytischen Einzelgesprächen über sich selbst zu reden. Dabei stellt sich heraus, dass er nie gelernt hat, fürsorglich mit sich und seinem Körper umzugehen. Statt sich einfach einmal auszuruhen, treibt er sich stets zu weiteren Höchstleistungen an. Er hat Angst vor Ruhe und Nichtstun und treibt sich immer an seine Grenzen. Im Laufe der analytischen Gespräche kommt Frank gemeinsam mit seinem Therapeuten den Ursachen auf den Grund. Allmählich geht Frank pfleglicher mit seinem Körper um. Er lernt, auch einmal fünf gerade sein zu lassen, sucht das Gespräch mit seiner Frau und empfindet es immer seltener als Schwäche, wenn er Grenzen bezüglich seiner Belastbarkeit setzt. Drei Jahre dauert seine Therapie, doch schließlich sind die Rückenschmerzen verschwunden.

Fallbeispiel Laura, 17 Jahre alt

Laura ist 17 Jahre alt. Sie wuchs in einem liebevollen, behüteten Zuhause als jüngstes von drei Geschwistern auf. Die Eltern sind gesellschaftlich angesehen und führen mit Erfolg ein eigenes kleines Unternehmen. Laura hat die Realschule abgeschlossen und gleich im Anschluss eine Ausbildung zur Physiotherapeutin begonnen.

Seit einiger Zeit leidet Laura unter Panikattacken. Die erste Attacke ereilte sie kurz nach Beginn ihrer Ausbildung während des Unterrichts. Sie verspürte ein plötzliches Schwindelgefühl und Herzrasen und bat den Lehrer, nach Hause gehen zu dürfen, da sie sich nicht wohlfühle.

In der folgenden Zeit wurde sie immer häufiger von diesen Attacken ereilt, besonders in engen Räumen oder belebten Situationen. Nach wenigen Minuten lassen diese Zustände wieder nach. Doch Laura steht ständig unter Anspannung. Sie ist nervös und unruhig, kaut an den Nägeln oder wippt mit den Füßen. Es braucht immer weniger, um die Panikattacken auszulösen und es wird für Laura immer schwieriger, sich selbst durch Ablenkung zu beruhigen. Laura fürchtet, ernsthaft krank zu sein. Sie vertraut sich ihrer Mutter an. Diese geht mit ihr zunächst zum langjährigen Hausarzt der Familie. Physisch ist Lara jedoch völlig gesund. Der Hausarzt vermutet, dass eine Angststörung hinter ihren Symptomen stecken könnte, und verweist sie an einen Therapeuten.

Laura geht zu Probegesprächen bei drei verschiedenen Therapeuten. Ihre Mutter begleitet sie zu den Terminen. Die Gespräche führt Laura mit den Therapeuten alleine. Da bei der Psychotherapeutin, für die sich Laura letztendlich entscheidet, gerade ein Patient abgesprungen ist, kann Laura bereits nach einigen Wochen mit der Therapie beginnen.

Einmal wöchentlich führt die Therapeutin mit ihr Sitzungen im Rahmen einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie durch. Zunächst verschlimmern sich Lauras Ängste. Ihre allgemeine Anspannung wird größer, sie fürchtet, die Kontrolle zu verlieren und hat Angst davor, verrückt zu werden. Manchmal steigern sich ihre Panikattacken in regelrechte Todesängste. Zusätzlich zu ihrer Therapie bekommt Laura eine Zeit lang eine medikamentöse Behandlung verordnet.

In den Therapiesitzungen arbeitet die Therapeutin im dialogischen Gespräch mit Laura deren Kindheit auf. Laura erzählt von ihrer Bewunderung für den Vater und dem großen Respekt gegenüber ihrer Mutter, die es schaffte, drei Kinder großzuziehen und nebenher im Familienunternehmen mitzuhelfen. Für Laura waren die Eltern und auch deren langjährige Beziehung immer ein Vorbild. Laura erzählt viel über ihre beiden älteren Brüder, von denen sie immer das Gefühl hatte, dass sie auf sie achten. Inzwischen leben die Brüder in verschiedenen Städten und der älteste hat eine eigene Familie. Die Therapeutin lässt Laura auch viel über ihre Freunde und ihre aktuellen zwischenmenschlichen Beziehungen sprechen. Das erste Mal redet Laura über die Trennung von ihrem Freund, der sie nach zwei Jahren wegen eines anderen Mädchens verlassen hat.

Im Laufe der Therapie zeigt sich, dass die Gründe für Lauras Angstneurose in der Loslösung von der Familie und der damit verbundenen neuen Selbständigkeit liegen. Zudem hat Laura Angst, in den Augen ihrer relativ erfolgreichen Familie zu versagen. Sie fühlt sich durch die Trennung von ihrem ersten festen Freund einsam. Auch mit letzterem geht bei ihr ein Gefühl des Versagens und des Kontrollverlusts einher.

Mit der Zeit festigt sich Lauras Selbstwertgefühl. Die Panikattacken sind noch nicht verschwunden, doch die medikamentöse Behandlung kann abgesetzt werden. Die dynamische Psychotherapie stützt Laura so weit, dass sie immer besser mit den Attacken umzugehen lernt und die Therapiesitzungen in immer größeren Abständen stattfinden können. Nach einem Jahr in Behandlung ist Laura sich sicher, dass sie es bald auch ohne die Therapie schaffen wird, ihren Alltag zu meistern. Inzwischen hat sie sogar den Schritt gewagt, sich eine erste eigene Wohnung zu suchen. Dennoch ist sie häufig mit ihren Eltern zusammen, und besonders mit der Mutter kann sie inzwischen offen über die Gründe für ihre Ängste sprechen.