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Physiotherapie

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Funktionsweise der Physiotherapie

Der menschliche Körper verfügt über Selbstheilungskräfte, die Schmerzen lindern, Bewegung einfordern und die körperliche Leistungsfähigkeit erhalten. Wenn diese Mechanismen nicht mehr greifen, hilft Physiotherapie, durch gezielte Bewegungsreize die körpereigenen Heilungsprozesse anzuregen.

Wenn die natürlichen Mechanismen der Selbstheilung nicht mehr greifen, hilft Physiotherapie. Durch den Einsatz aktiver und passiver Bewegungsreize wird der körpereigene Heilungsprozess wieder angeregt und Heilung ermöglicht. Physiotherapeuten nutzen die natürlichen Phasen der Wundheilung in der Therapie und überlagern Schmerzreize durch Bewegungsreize.

Natürliche Phasen der Wundheilung

Wundheilung bedeutet, einer verletzten Gewebestruktur wie Band oder Muskel zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Belastungsreiz zu geben. Dies macht der Körper in der Regel intuitiv, wenn er nicht durch äußere Eingriffe daran gehindert wird.

Falsche Maßnahmen wie Eisanwendungen und entzündungshemmende Medikamente oder falsche Empfehlungen wie „Beine hochlegen“ oder „bloß nicht belasten“ halten die natürliche Wundheilung auf.

Alle Stadien der Wundheilung müssen immer voll durchlaufen werden. Ein Überspringen oder Beschleunigen ist naturgemäß, auch mit Hilfe eines Arztes oder Physiotherapeuten, nicht möglich.

Die Wundheilung der meisten Gewebe des Bewegungsapparates lässt sich grob in drei Phasen einteilen:

  • Entzündungs- und Reizungsphase (0. bis 4. Tag)

  • Proliferationsphase (5. bis 20. Tag)

  • Umbau- und Organisationsphase (21. Tag bis zu einem Jahr)
Entzündungs- und Reizungsphase (0. bis 4. Tag )

Im Wundheilungsprozess ist es physiotherapeutisch wichtig, das verletzte und heilende Gewebe angemessen zu belasten und zu entlasten.

Die Entzündungsphase beginnt mit der Verletzung des Gewebes (Trauma), zum Beispiel durch einen Bänderriss oder eine Operation, und dauert bis zu fünf Tage.

Der Körper löst eine natürliche Entzündungsreaktion aus, die durch Schmerzen, Rötung, Schwellung, Wärme und Funktionseinschränkungen, also eine eingeschränkte Beweglichkeit, gekennzeichnet ist.

In der Entzündungsphase steht die Entlastung im Vordergrund. Das Gewebe beginnt mit der Reparatur der geschädigten Blutgefäße (Blutgerinnung) und beginnt bereits mit der Bildung neuen Gewebes, um die Wunde so weit wie es geht mit Bindegewebe zu schließen.

Die größte Gefahr in dieser Phase besteht darin, die Signale des Körpers zu missachten. Die oben genannten Entzündungszeichen wie Schmerzen und Schwellung sind ganz natürlich und beugen einer frühzeitigen Belastung vor. Dies sollte bei der Einnahme von Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Medikamenten unbedingt beachtet werden.

Proliferationsphase (5. bis 20. Tag )

In der zweiten und dritten Phase der Wundheilung stellt dosierte Belastung einen wichtigen Reiz für die Heilung des Gewebes dar. Ein elastischer Taperverband oder eine Bandage (Orthese) kann erste Belastungen unterstützen, sollte aber nur anfangs „für den Kopf“ genutzt werden. Vor allem das Muskelgewebe verlernt schnell, sich selbst zu stabilisieren.

Fehlende Belastung in dieser Phase fördert die Bildung von Narbengewebe, das den Heilungsverlauf verzögert. Das Gewebe braucht seine normalen Belastungsreize, damit es sich organisieren und für seine Funktion ausrichten kann, zum Beispiel nach einer Sprunggelenksverletzung die Abrollbewegung des Fußes.

Physiotherapeuten arbeiten immer innerhalb der natürlichen Belastungstoleranz des Patienten, das heißt an der Schmerzgrenze. Deshalb ist die Einnahme von Schmerzmitteln für eine erfolgreiche Therapie problematisch. Das natürliche Alarmsystem des Körpers wird ausgeschaltet.

Umbau- und Remodulationsphase (21. Tag bis zu einem Jahr)

Wer schnell wieder in Bewegung kommt und sich innerhalb der Schmerzgrenze belastet, wohlgemerkt ohne die Einnahme von Schmerzmitteln, braucht keine Physiotherapie.

In der vorhergehenden Phase ist durch angemessene Belastungsreize funktionsfähiges Gewebe aufgebaut worden. In der dritten Phase geht es nun darum, das Gewebe zu stabilisieren und die Belastbarkeit weiter zu erhöhen.

Die Dauer der Umbauphase hängt von den natürlichen Erneuerungszeiten, das heißt der Regenerationsfähigkeit, des betroffenen Gewebes, ab und deshalb auch entscheidend vom Wissen des Physiotherapeuten.

Schleimhaut braucht beispielsweise nur zwei Tage zur Regeneration, Hautgewebe sieben bis zehn Tage und ein Muskel schon drei bis vier Wochen. Ein Knochen braucht vier bis sechs Wochen und eine Bandscheibe bis zu eineinhalb Jahre, um sich zu erneuern.

Normale Alltagsbelastungen sind bereits nach wenigen Tagen wieder möglich und begünstigen den Heilungsverlauf.

Der Alltag ist also eine der besten Therapien.

Gezielter Neustart der Wundheilung

Wenn Patienten sich nach einer Verletzung zu lange schonen und entlasten (immobilisieren), fehlen dem Gewebe zur richtigen Organisation und Erneuerung entsprechende Belastungsreize. Das Gewebe steckt in einer Wundheilungsphase fest und der Patient leidet unter einer oftmals schmerzbedingten Bewegungseinschränkung.

Je länger diese Immobilisation, sprich Entlastung, andauert, desto schwerer kann die Bewegungseinschränkung therapeutisch beeinflusst werden und desto schlechter ist die Prognose bezüglich der vollständigen Wiederherstellung des Gewebes.

Um die Phasen der Wundheilung erneut anzuregen, lösen Physiotherapeuten eine erneute Entzündungsreaktion im Gewebe aus. Dies erfolgt zum Beispiel durch die sogenannte Querfriktion, die im Rahmen der Manuellen Therapie (MT) angewendet wird.

Oftmals ist dies die einzige Möglichkeit, eine angeschlagene Struktur zu erneuern beziehungsweise zu regenerieren. Für Patienten bedeutet die Reizung erst einmal Schmerzen, die jedoch bei richtiger Durchführung der Querfriktion nach wenigen Minuten nachlassen. Dieser Umstand ist auf das sogenannte Gate-Control-Modell zurückzuführen.

Das Gate-Control-Modell

Mit dem Gate-Control-Modell ist das Überlagern von Schmerzreizen durch Bewegungsreize gemeint. Durch dieses Modell wurde bereits Mitte der 1960er Jahre bekannt, dass es möglich ist, durch die Reizung bestimmter Rezeptoren im Gewebe die Schmerzweiterleitung zu hemmen.

Dies ist möglich, weil Schmerz- und Bewegungsrezeptoren an der gleichen Stelle im Gehirn ankommen, Bewegungsreize aber deutlich schneller unterwegs sind als Schmerzreize.

Diesen Effekt nutzen Physiotherapeuten in ihrer Behandlung, indem sie über Druck-, Berührungs- und Vibrationsreize entsprechende Rezeptoren anregen.

Physiotherapie und chronische Schmerzen

Das Gate-Control-Modell funktioniert bedingt auch bei chronischen Schmerzen. Bei andauernden Schmerzen ist allerdings zu beachten, dass sich spätestens nach sechs Monaten ein sogenanntes Schmerzgedächtnis einstellen kann. Das heißt, der Schmerz verfestigt sich im Kopf und in der Seele des Patienten.

Schmerzpatienten sind deshalb oftmals in ihrer Leistungsfähigkeit im Alltag und im Berufsleben stark eingeschränkt. Um der Gefahr eines sozialen Rückzugs (Isolation) oder einer Berufsunfähigkeit vorzubeugen, ist neben einer medizinischen Betreuung Physiotherapie zur Steigerung der körperlichen Belastbarkeit empfehlenswert.

Zu Beginn der Behandlung ist ein ausführliches Gespräch mit dem Physiotherapeuten über die Entstehungsgeschichte und den Verlauf der Schmerzen notwendig. Darauf aufbauend versucht der Therapeut, mit der richtigen Kombination aus passiven und aktivierenden Maßnahmen den Patienten zu behandeln.

Um den Teufelskreis aus Schmerzen und Schonung zu durchbrechen, muss der Schmerzpatient wieder in Bewegung kommen. Moderate Bewegung ist nachweislich das beste Schmerzmittel.

Es gehört viel Überwindung, Disziplin und Eigeninitiative des Patienten dazu, sich seinen Schmerzen zustellen. Der Körper bietet ihm ein gigantisches Angebot an Selbstheilungsprozessen, das er zum Wohle seiner Gesundheit nicht ausschlagen sollte.