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Verhaltenstherapie

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Grundlagen der Verhaltenstherapie

Erkenntnisse aus anderen wissenschaftlichen Fachgebieten tragen durch ihre Integration in das allgemeine oder ein spezielles Modell der Verhaltenstherapie zur Bereicherung des verhaltenstherapeutischen Wissens bei. Die Grundlage bilden Lerntheorien, Sozialpsychologie und die Psychophysiologie.

Erkenntnisse aus anderen wissenschaftlichen Fachgebieten tragen durch ihre Integration in das allgemeine oder ein spezielles Modell der Verhaltenstherapie zur Bereicherung des verhaltenstherapeutischen Wissens bei. Die Grundlage bilden Lerntheorien, Sozialpsychologie und die Psychophysiologie.

Die grundlegende Annahme der Verhaltenstherapie besagt, dass Verhaltensstörungen – ebenso wie andere Formen von Verhalten – meist erst erlernt wurden. Unter Verhalten wird hierbei nicht nur beobachtbares Verhalten verstanden, sondern ebenso Gefühle, Gedanken und physische Prozesse. Jedes erlernte Verhalten kann wieder verlernt oder umgelernt werden.

Auch Verhaltensstörungen sind demnach erlernt und folgen nach den Theorien der Verhaltenstherapie bestimmten Lerngesetzen. Diese beziehen sich nicht nur auf den Neuerwerb von Verhaltensmustern, sondern ebenso auf die Reduzierung oder Extinktion („Auslöschung“) von bereits bestehenden Verhaltensmustern.

Jeder Mensch kann über „gute“ und „schlechte“ Verhaltensmuster verfügen. Ein Verhaltensmuster kann schlecht sein, wenn der Mensch sich selbst oder seinem sozialen Umfeld damit schadet. Diesen schlechten Gewohnheiten möchte die Verhaltenstherapie durch Aneignungs- und Beseitigungsverfahren entgegenwirken. Das Erlernen neuer Verhaltensmuster soll wenn möglich durch positive Verstärkung – also angenehme Konsequenzen bei einem neuen Verhalten – erlernt werden. Erwünschte Verhaltensweisen können jedoch auch durch negative Verstärkung (ein Verhalten, das unangenehme Folgen hat) in ihrem Auftreten erhöht werden.

Verstärkung

Verstärkung ist ein Grundprinzip der Verhaltenstherapie. Ganz allgemein ist Verstärkung ein Prozess, der bedingt, dass ein spontan gezeigtes Verhalten gehäuft auftritt. Verstärker nennt man die Konsequenzen des Verhaltens, die dazu führen, dass sich die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens erhöht. Unterschieden werden positive und negative Verstärkung.

Wenn sich die Konsequenz einer Verhaltensweise als lohnenswert herausstellt, zeigen Menschen diese meist verstärkt und häufiger. Anders ausgedrückt: Wenn jemand etwas tut und ihm als Folge dieses Handelns etwas Positives widerfährt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Person unter vergleichbaren Umständen dasselbe in Zukunft wieder tun wird. In einem solchen Fall spricht man von positiver Verstärkung. Wenn ein Psychologe von einer positiven Verstärkung spricht, hat er unterschiedliche Arten von Verstärkern im Sinn:

  • gegenständliche Belohnungen (wenn zum Beispiel ein Kind etwas Süßes als Lob für ein bestimmten Verhaltens bekommt)

  • Zuwendung (durch Aufmerksamkeit, Lächeln, ermutigende Worte oder Ähnliches)

  • Selbstverstärker (eine nicht-gegenständliche Belohnung, die von innen kommt: zum Beispiel ein angenehmes Gefühl wie Stolz)

Verhält man sich auf eine Art, die ein unangenehmes Ergebnis vermeidet, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass man diese Handlung unter ähnlichen Umständen wiederholt. Häufig wird negative Verstärkung mit Bestrafung verwechselt.

Zusammengefasst gilt:

  • annehmbares Verhalten + Verstärkung = mehr annehmbares Verhalten

  • annehmbares Verhalten + keine Verstärkung = weniger annehmbares Verhalten

  • unannehmbares Verhalten + Verstärkung = mehr unannehmbares Verhalten

  • unannehmbares Verhalten + keine Verstärkung = weniger unannehmbares Verhalten

Ein Verhalten kann ganz unbeabsichtigt verstärkt werden, obwohl das Gegenteil gewünscht war. Wenn zum Beispiel ein Kind, das von seinen Eltern und seiner Umgebung wenig Aufmerksamkeit bekommt, für ein negatives Verhalten bestraft wird, kann es die Bestrafung als angenehm empfinden, indem sie als Aufmerksamkeit wahrgenommen wird. Ob eine Bestrafung tatsächlich als solche empfunden wird, lässt sich letztendlich nur daran ausmachen, ob sich die Frequenz eines Verhaltens erhöht oder reduziert. Ob ein bestimmter Reiz positiv oder negativ wirkt, ist sehr personenabhängig und nur aus dem Ergebnis ersichtlich.

Grundmuster der Verhaltenstherapie

Grundlegend in der Verhaltenstherapie ist das Einüben eines sogenannten Zielverhaltens – also eines erwünschten Verhaltens - Schritt für Schritt. Die Schritte sind allgemein zunächst eine konkrete Analyse des Verhaltens und eine daraus folgende Bestimmung einzelner Lernabschnitte. Der Patient muss lernen, in kleinen Schritten zu Besserungen zu kommen. Zudem wird ein Belastungstraining für neu erlerntes Verhalten durchgeführt. Es folgt ein Selbstkontroll-Lernschritt und nach Abschluss der eigentlichen Therapie gelegentliche Wiederholungsstunden, um Gelerntes aufzufrischen (Booster-Sitzungen).

Die Therapien werden formal aufgebaut mit der Kontrolle, ob die Therapieprinzipien eingehalten wurden. Durch einen formalen Aufbau wird die Wirksamkeit der Therapie begünstigt. Folgende Punkte sollen sicher gestellt werden:

  • Das Problem soll detailliert definiert und operationalisiert werden.

  • Therapeutische Zielbedingungen werden registriert (Auslöser, Verhalten, Konsequenzen).

  • Veränderungen werden sichtbar dargestellt.

  • Therapeutische Verhaltensregeln werden festgelegt.

  • Die für die Erfüllung von Verhaltensregeln und Erreichung von Therapiezielen notwendigen Verstärkungen werden systematisch und kontrolliert gegeben.

Das SORKC-Modell

Das sogenannte SORKC-Modell ist eine weitere Grundlage für jedes verhaltenstherapeutische Arbeiten. SORKC steht für

  • S → Stimulus: die äußere oder innere Reizsituation. Der Stimulus erfasst die Bedingung, die ein Verhalten in einer bestimmten Situation auslöst.

  • O → Organismus: die individuellen lerngeschichtlichen und biologischen Ausgangsbedingungen und Eigenschaften einer Person.

  • R → Reaktion: das beobachtbare Verhalten, das auf den Stimulus und seine Verarbeitung im Organismus folgt.

  • K → Kontingenz: die zeitliche Abfolge des Verhaltens beziehungsweise der Reaktionen oder Verhaltensweisen.

  • C → Konsequenz: das Einsetzen einer Verstärkung oder Bestrafung als Folge des Verhaltens.

Das Schema des SORKC-Modells von Frederick H. Kanfer und Burrhus Frederic Skinner besagt, dass ein Reiz auf einen Organismus einwirkt und bei diesem eine psychische und physische Reaktion auslöst. Aus dieser Reaktion wiederum ergibt sich eine Konsequenz, zum Beispiel ein gutes Gefühl. Erscheint die Reaktion wiederholt, verstärkt sie sich, es wird gelernt. Auf diese Weise können psychische Krankheiten entstehen und auch behandelt werden, so durch gezieltes Einüben neuer oder anderer Verhaltensweisen oder durch eine Änderung der Stimuli.

Die Verhaltenstherapie nach dem SORKC-Modell beinhaltet nicht nur die Anwendung wissenschaftlicher Methoden. Die Interaktion von Therapeut und Patient ist vor dem Hintergrund eines dynamischen und rekursiven Prozesses zu verstehen. Eine besondere Bedeutung haben die Erwartungen von Patient und Therapeut, das Setting der Therapie und die Rollen, die Patient und Therapeut einnehmen. Grundvoraussetzung für die Therapie sind die Motivation, die präzise Analyse des Verhaltens, Zielklärung und Zielvereinbarung. Der Patient soll in die Lage versetzt werden, sein Leben möglichst schnell autonom und selbständig zu führen. Kanfer wollte das SORKC-Modell als Arbeitshypothese verstanden wissen und wies auch stets auf andere Ansätze und Entwicklungen hin.